Als Arch. Linner in der Yachtwerft an dem Grade-Eindecker arbeitete, meldete sich ein interessierter Herr mit der Frage, ob er am Grade mitarbeiten dürfte. Dieser Herr war Horst Hinzke, Berufsschullehrer, der selbst schon einen Kiebitz gebaut hatte und damit flog. Hinzke erwies sich als angenehmer, ruhiger Mitarbeiter, der erhebliches Wachwissen zeigte. Auch Anton Ott, der damals zu Besuch in der Yachtwerft war, empfand Hinzke als angenehme Bereicherung beim Bau des Grade.
Nach einigen Tagen rückte Hinzke mit seinem tatsächlichen Anliegen heraus : er hätte das 1:5 Modell des Harlan 1913 gesehen und würde gerne dieses Flugzeug bauen. Ob er von Linner die Pläne bekommen könnte ?
Hinzke bekam die Pläne und begann ein halbes Jahr später mit dem Bau des Harlan-Eindeckers (Militärtyp) 1913 an Flugplatz Eggersdorf, wo er einen Wohnwagen stehen hatte. Eine baufällige Hütte richtete er sich zu einer Werkstätte, wo das doch relativ große Flugzeug gerade noch hineinpaßte. Hinzke wollte mit dem Harlan in einem Jahr fertig werden, daraus wurden drei Jahre.
Horst Hinzke bekam keine Förderungen, er finanzierte das Flugzeug selbst. Nun ist offensichtlich Neid und Mißgunst eine Charaktereigenschaft, die in Brandenburg doch öfter vertreten ist. Die Medien berichteten naturgemäß über den Bau des Harlan, daraufhin wurde Hinzke öffentlich und in den Medien angegriffen, wie denn ein Berufsschullehrer sich ein Flugzeug leisten könnte, eine Lehrerin verlangte sogar, in die Schule, wo Hinzke lehrte, versetzt zu werden, da man dort ja viel mehr verdienen müsse als sonstwo, da sich ein Berufsschullehrer ein Flugzeug bauen könne. Derart infantile Angriffe waren tagelang Gesprächsthema, sogar der Berufsschul-Direktor ließ Hinzke kommen und verlangte, er solle auf einen Teil seines Gehaltes verzichten, was dieser naturgemäß ablehnte.
Diese Art der Reaktion auf ein kreatives Projekt war Linner vollkommen neu, in Österreich wurde der Bau der Etrich-Taube Typ F begrüßt und bewundert, nicht mit Neid und Bosheit betrachtet. Auch wurden bereitwillig Förderungen bereitgestellt, um das Taubenprojekt zu realisieren. In Deutschland wurde das Projekt Harlan nur scheeleugig betrachtet.
Horst Hinzke ließ sich keineswegs beirren und baute an den Wochenenden an seinem Harlan weiter, richtete einen Motor zum Einbau her, baute Flächen und einen Propeller, beschaffte sich vom Schrottplatz vier Speichenräder und Flugzeugbaumaterial, baute einen Motorprüfstand, machte den französichen PPL und den Wartschein.
Der Harlan war zu 80% fertig, hatte die Belastungsprobe bestanden und diverse Besichtigungen durch den Prüfer des LBA, da wurde Hinzke ins Spital eingeliefert, Diagnose Krebs. Nach drei Wochen telefonierte Hinzke noch mit Linner, es gehe ihm jetzt gut und er arbeite am Flugzeug, und eine Woche später war Horst Hinzke tot.
Er hat den Erstflug seiner Maschine nicht mehr erlebt. Beim Begräbnis flog eine Staffel Kiebitze über den Friedhof, so nahm Horst wenigstens das Dröhnen der Motoren mit auf die Reise.
Was nun folgte, war eine Geschmacklosigkeit ohnegleichen. Alle, die sich über den Bau des Harlan mokiert hatten, stürzten sich nun auf die Witwe und wollten das Flugzeug vereinnahmen. Die unterschiedlichsten Ideen wurden Eva Hinzke vorgeschlagen, von Gründung einer Stiftung bis zur Erstellung einer Verwaltungsgruppe für das Flugzeug. Eva Hinzke lehnte alles ab und baute selbst an dem Apparat weiter, was umso bewundernswerter war, da Eva Hinzke vom Flugzeugbau keine Ahnung hatte und nun alles in Rekordtempo lernen mußte. Angriffe fustrierter Machos folgten ebenso wie Verunglimpfungen, wie denn eine Frau ein Flugzeug bauen könne. Jedenfalls wurde die Arbeit von Fr. Hinzke vom Prüfer des LBA akzeptiert. Linner leistete Rat und Hilfe wo er konnte, doch in Fürstenwalde wurden die Flugzeuge ebenfalls fertig, und so pendelte Linner zwischen Fürstenwalde und Eggersdorf hin und her.
Bei Beendigung der Tätigkeit in Fürstenwalde war der Harlan mit von Linner beigestellten Leinen bespannt und der Motor in Erprobung. Oberstlt. Koschmieder sollte das Flugzeug einfliegen. Derzeit (2009) ist Linner nicht bekannt, wie der Stand der Dinge ist, es ist zu hoffen, daß Horst Hinzkes Harlan einen guten Start hatte.
Horst hätte dies erleben sollen. Lebwohl, alter Adler.
